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Rotwein, Weißwein, Orangewein: Wie Farbe im Keller entsteht

Die Farbe eines Weines ist kein Zufall und keine Frage der Traubensorte allein — sie ist das direkte Ergebnis einer Kellerentscheidung: Wie lange und ob überhaupt Traubensaft mit Schalen, Kernen und Stielen in Kontakt kommt. Diese eine Variable — Maischestandzeit — erklärt das gesamte Spektrum vom kristallklaren Blanc de Noirs bis zum tiefbraunen georgischen Amber-Wein.

Rotwein: Vergärung auf den Schalen

Rote Trauben enthalten ihren Farbstoff nicht im Fruchtfleisch, sondern in den Schalen. Rotwein entsteht, indem die gequetschten Trauben — Maische — vergären, während Schalen, Kerne und meist ein Teil der Stiele im Kontakt mit dem entstehenden Alkohol bleiben. Alkohol ist ein hervorragendes Lösungsmittel für Anthocyane (Farbstoffe) und Tannine (Gerbstoffe). Je länger die Maischestandzeit, desto mehr Farbe, Tannin und Struktur extrahiert der Winzer.

Ein leichter Beaujolais mit kurzer Kohlensäure-Maischegärung (Carbonic Maceration) verbringt kaum drei Tage auf den Schalen; ein klassischer Barolo DOCG aus der Nebbiolo-Traube kann nach traditioneller Methode vier bis sechs Wochen auf der Maische verbringen, was Tannine von enormer Dichte und Langlebigkeit ergibt. Pigeage (Abpumpen oder Untertauchen des Tresterhuts) und Remontage (Umpumpen) steuern die Intensität der Extraktion.

Weißwein: Pressung vor der Gärung

Weißwein — gleichgültig ob aus weißen oder roten Trauben — entsteht, indem die Trauben sofort gepresst werden, bevor nennenswerter Schalenkontakt stattfindet. Der klare Saft (Most) wird von Trester und Feststoffen getrennt und vergärt dann allein. Der Winzer erhält einen Wein ohne Tannine und ohne Schalenfarbstoffe. Ein Blanc de Noirs — etwa ein Champagner Blanc de Blancs aus weißem Chardonnay oder ein weißer Burgunder — zeigt, dass die Rebsortenfarbe für den Weincharakter irrelevant ist, wenn sofort gepresst wird.

Die Qualität des Pressens ist entscheidend: Pneumatische Membranpressen erlauben einen schonenden, einstellbaren Druck; ältere Korbpressen ergeben durch langsames, sanftes Pressen besonders klaren Most. Chardonnay-Winzer in der Côte de Beaune und Riesling-Erzeuger an der Mosel betrachten den Pressvorgang als mindestens so wichtig wie die Vergärung.

Orangewein: Weißwein auf den Schalen

Orangewein — auch Amber-Wein oder Skin-Contact-Wein genannt — ist keine neue Erfindung, sondern die älteste Weinbereitungsform überhaupt. Er entsteht, wenn weiße Trauben genau wie rote behandelt werden: Die Maische vergärt auf den Schalen, wobei Gerbstoffe, Polyphenole und die charakteristischen Bernstein- bis Orangetöne extrahiert werden. Standzeiten reichen von wenigen Tagen (ein leichter Skin-Contact-Wein mit zartem Tannin und gelber Farbe) bis zu Monaten oder Jahren (tiefbraune, tanninreiche Amber-Weine).

Orangewein-Pioniere: Radikon, Gravner, Movia

Die Wiederentdeckung des Orangeweins im europäischen Kontext begann in den späten 1980er Jahren im Friaul, an der Grenze zwischen Italien und Slowenien. Stanko Radikon und Joško Gravner, beide in der Weinbauzone Collio tätig, experimentierten unabhängig voneinander mit langen Maischestandzeiten für weiße Trauben — vor allem Ribolla Gialla und Friulano.

Joško Gravner machte 1996 eine Reise nach Georgien, die sein Denken fundamental veränderte. Er begann, Wein in Amphoren — georgischen Qvevri-Tongefäßen — zu vinifizieren und experimentierte mit Standzeiten von bis zu sechs Monaten auf den Schalen. Seine Ribolla Gialla Amphore ist heute einer der am meisten diskutierten Referenzweine der Naturwein-Bewegung.

Stanko Radikon verfolgte einen ähnlichen Weg und ließ Ribolla Gialla und Oslavje — eine Cuvée aus Chardonnay, Sauvignon Blanc und Pinot Grigio — monatelang auf den Schalen. Radikons Söhne Saša und Mitja führen das Gut nach seinem Tod 2016 weiter. Auf der slowenischen Seite der Brda-Grenze arbeitet das Weingut Movia unter Aleš Kristančič mit ähnlicher Philosophie; Movias Lunar ist einer der bekanntesten Amber-Weine Sloweniens.

Die georgische Qvevri-Tradition: 8.000 Jahre Weinbau

Georgien gilt als Wiege des Weinbaus. Archäologische Funde im Dorf Shulaveri in der Nähe von Tiflis belegen Weinbereitung vor mindestens 8.000 Jahren. Das zentrale Element der georgischen Weinkultur ist der Qvevri — ein eiförmiges, innen mit Bienenwachs ausgekleidetes Tongefäß, das im Boden eingegraben wird, um konstante Temperaturen zu gewährleisten. Trauben werden mit Schalen, Kernen und Stielen vergoren und reifen dann monatelang im versiegelten Qvevri.

Die UNESCO hat die Qvevri-Weinbautradition 2013 als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Regionen wie Kakheti (östlich von Tiflis), Kartli und Imerethi (mit weniger intensivem Schalenkontakt als in Kakheti) praktizieren jeweils leicht unterschiedliche Varianten. Trauben wie Rkatsiteli, Mtsvane und Kisi liefern die typischen georgischen Amber-Weine mit nussigen, gewürzigen und gerbstoffreichen Profilen.

Rosé: Saignée und direkte Pressung

Rosé entsteht auf zwei Hauptwegen. Bei der Saignée-Methode ("Aderlass") wird ein Teil der Rotwein-Maische frühzeitig abgezogen und als Rosé vergoren; das Hauptvolumen bleibt auf den Schalen und wird als konzentrierterer Rotwein ausgebaut. Bei der direkten Pressung werden rote Trauben sofort oder nach sehr kurzem Schalenkontakt gepresst, wobei nur ein Hauch Farbe und Tannin in den Most übergeht. Die Provence-Rosé-Tradition — Grenache, Cinsault, Syrah, blassrosa bis blachsfarben — basiert auf direkter Pressung. Saignée-Rosés sind tendenziell farbintensiver und vollmundiger.

Das Farbspektrum als Werkzeug

Weinfarbe ist ein diagnostisches Instrument: Tiefes Rubinrot mit blauviolantem Rand deutet auf junges Rotwein hin; Ziegelrot mit orangenem Rand auf Alter oder Oxidation. Goldgelb mit grünem Schimmer ist junger Weißwein; tiefes Bernsteingold deutet auf Lagerung im Holz oder Orangewein-Maischestandzeit. Diese Farbhinweise korrespondieren fast immer mit Aroma, Tannin und Alter — Verkostung beginnt mit dem Glas, lange bevor die Nase ansetzt.

Macération Carbonique und andere Extraktionstechniken

Carbonic Maceration (Kohlensäure-Maischegärung) ist eine Sonderform der Rotweinherstellung: Ganze, unverdroschene Trauben werden in einem CO2-gesättigten Behälter vergoren, wobei die intrazelluläre Gärung innerhalb der unversehrten Beere beginnt. Das Ergebnis sind sehr farb- und fruchtintensive Weine mit wenig Tannin und einem typischen Bananenester-Aroma (Amylacetat). Beaujolais Nouveau und einfache Beaujolais werden so erzeugt; Marcel Lapierres Morgon nutzt eine modifizierte Variante (Semi-Carbonic) für tiefere Komplexität.

Blutung (Saignée) als Extraktionstechnik bei Rotwein bedeutet das frühzeitige Abziehen eines Teils des rosafarbenen Safts aus der Maische, was den Verhältnis von Schalen zu Saft erhöht und damit die Extraktion für den verbleibenden Rotwein intensiviert. Pump-Over (Remontage) und Punch-Down (Pigeage) sind die beiden wichtigsten mechanischen Methoden zur Kontrolle der Extraktion während der Maischegärung: Beim Remontage wird Saft von unten nach oben gepumpt; beim Pigeage wird der Tresterhut mit einem Stab oder mechanischen Vorrichtungen unter den Saft gedrückt.

Alle Stile auf der Karte

Produzenten von Orangewein, georgischem Qvevri-Wein, natürlichem Weißwein und klassischen Rotweinen sind auf der interaktiven Karte verzeichnet. Filtern Sie nach Region oder Weintyp und entdecken Sie Güter, die das gesamte Farbspektrum repräsentieren.